Die Olympische Idee im 21. Jahrhundert

Die neu gegründete Zweigstelle Frankfurt Rhein-Main hat sich in ihrer Auftaktsitzung intensiv mit der Frage beschäftigt, welche Bedeutung die Olympische Idee heute für unsere Gesellschaft haben kann.

Der folgende Text versteht sich ausdrücklich als Diskussionsimpuls und Denkanstoß innerhalb der Deutschen Olympischen Gesellschaft – nicht als formelle Beschlusslage der DOG. Wir veröffentlichen ihn, weil die Olympische Idee vom Austausch lebt. Gerade in einer Zeit, in der über eine mögliche deutsche Olympiabewerbung diskutiert wird, möchten wir unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen und zum Mitdenken einladen.

DOG Frankfurt | Rhein-Main – Diskussionspapier

Olympia für alle – Pierre de Coubertin im 21. Jahrhundert

“Olympism is a philosophy of life, exalting and combining in a balanced whole the qualities of body, will and mind. Blending sport with culture and education, Olympism seeks to create a way of life based on the joy of effort, the educational value of good example, social responsibility and respect for internationally recognised human rights and universal fundamental ethical principles within the remit of the Olympic Movement.” (Olympic Charta, Fundamental Principles of Olympism, Nr. 1)

Die Olympische Idee

Olympische Spiele sind kein Selbstzweck, sondern Ausdruck der Olympischen Idee. Diese gründet auf einem universellen emanzipatorischen Bildungsanspruch, sie symbolisiert und vermittelt wesentliche Werte für das friedliche Zusammenleben der Menschen und dient der Verständigung über nationale, kulturelle, sprachliche, religiöse und weltanschauliche Grenzen hinweg. Die DOG wirbt für eine transparente deutsche Olympiabewerbung im Sinne einer zeitgemäßen Interpretation sowie Umsetzung der Olympischen Idee mit den international anerkannten Menschenrechten als unverzichtbarer Wertebasis.

Warum wir Olympia für Deutschland brauchen

Die Bewerbung um und Ausrichtung von Olympischen und Paralympischen Sommerspielen in Deutschland bietet eine unvergleichliche Chance, notwendige Entwicklungen in unserem Land anzustoßen und Zukunftshoffnung zu wecken.

Entscheidend für den Erfolg wird sein, das ganze Land einzubinden und schon die – möglicherweise langjährige – Bewerbungsphase klug zu gestalten, so dass die dafür notwendigen Investitionen auch für sich genommen einen Mehrwert für unsere Gesellschaft haben. Dabei geht es vor allem darum,

  • Strategisch zu denken und mit einer komplexen Veranstaltung einen langfristigen Entwicklungsprozess in einer Großstadt und darüber hinaus im ganzen Land anzustoßen;
  • Sport in all seinen Facetten als wesentliches Element von ganzheitlicher Bildung, gesunder Lebensweise, kultureller Identität und moderner Stadtentwicklung erlebbar zu machen;
  • Die Bedeutung der Paralympischen Spiele für die Olympische Bewegung einerseits und die humane Entwicklung von inklusiven Gesellschaften andererseits aufzuzeigen;
  • Ein Zeichen für Deutschlands Verantwortung in einer globalisierten Welt zu setzen.

Herausforderungen für die Zukunft

1. Rechtsstaatlichkeit und demokratische Kultur

Lokale, nationale und internationale Interessenvertreter bzw. Anspruchsgruppen („Stakeholder“) werden von Beginn an systematisch und umfassend einbezogen, um die Bewerbung und die Ausrichtung zu einem gemeinschaftlich getragenen und gestalteten Projekt zu machen, das wesentliche Grundlagen auch für übergreifende Kooperationen in der Zukunft legt. Die Regelhaftigkeit des Wettkampfsports steht symbolisch für die Bedeutung rechtsstaatlicher Prinzipien, die weltweit aktuell immer mehr unter Druck geraten. Die Olympiabewerbung kann mit einer offenen Debattenkultur ein Gegengewicht zu Rückschritten im Miteinander bilden. Dies setzt Transparenz, Compliance und menschenrechtliche Verantwortung im Rahmen der vom IOC für die Organisation Olympischer Spiele geforderten Anwendung der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte voraus.

2. Innovation und Transformation

Digitalisierung, der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) und die nicht nur damit verbundene Transformation vieler Lebensbereiche werden unsere nahe Zukunft, d.h. die Zeit der Bewerbung um und möglichen Organisation von Olympischen und Paralympischen Sommerspielen bestimmen. Risiken dieser absehbaren Entwicklung zu managen und die Chancen zu nutzen wird entscheidend für den Erfolg Deutschlands – nicht nur – bei der Olympiabewerbung sein. Die mit den nötigen Änderungen in Politik, Wirtschaft, Strukturen und Lebensweisen verbundenen Unsicherheiten und Ängste können durch eine positive Erzählung mit dem Projekt Olympia als Katalysator für strategische Zielsetzung, beherztes Anpacken und eine zukunftstaugliche Gesellschaft aufgegriffen werden.

3. Geschichtsbewusstsein

Deutschland mit seiner zerstörerischen Geschichte im 20. Jahrhundert, dem Missbrauch der Olympischen Spiele 1936 durch das nationalsozialistische Regime sowie als über Jahrzehnte bis 1989 geteilte Nation ist in besonderer Weise dazu aufgerufen, Verständigung zu fördern und Gräben zu überwinden. Dies wird in den kommenden Jahren im Nachkriegs-Europa, wenn die Waffen in der Ukraine endlich schweigen, vorrangig sein. Der Einsatz für Olympische Spiele in Deutschland benötigt deshalb von Beginn an Demut vor der eigenen geschichtlichen Verantwortung und die Bereitschaft zu globalem Austausch und Kooperation ohne Scheuklappen. Dazu gehört auch der adäquate Umgang mit dem Olympia-Attentat in München 1972.

4. Urbanisierung und Resilienz

Weltweit strömen die Menschen in die Städte, die oftmals unter Wohnungsnot, überfüllten Straßen mit entsprechenden Einschränkungen der Mobilität, hohem Flächenverbrauch und Verelendung von Stadtteilen leiden. Zugleich verlangen die Folgen des Klimawandels – Hitzewellen, Starkregen – neue Ideen, die Resilienz von Städten zu stärken. Das Projekt Olympia in Deutschland mit einem langjährigen Vorlauf wird in einer deutschen Großstadt beispielhaft die aktuellen Herausforderungen der Stadtentwicklung aufgreifen und dazu nutzen, Wege zur zeitgemäßen Urbanisierung im Interesse aller Bewohner*innen aufzuzeigen. Mittels technischer Innovationen sollen neue Mobilitäts- und Energiekonzepte sowie Bau- und Wohnformen unter Einbeziehung der Anforderungen an Barrierefreiheit, intelligente Flächenplanung, Renaturierung, Verknüpfung unterschiedlicher (internationaler) Kulturen mit städtischem Leben usw. erprobt und durch die Olympischen Spiele in auch auf andere Städte übertragbare Konzepte eingebettet werden.

5. Bildung und Gesundheit

Chancengleichheit für alle sowie die Leistungsfähigkeit von Gesellschaften hängen entscheidend von Bildung und – eng damit verknüpft – der Gesundheit ab. Zwei zentrale Inhalte der Olympischen Idee stehen somit im Mittelpunkt jeder zukunftsgewandten Politik, wie sie auch in den Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen gefordert wird. Olympische Spiele in Deutschland werden über integrierte Bildungs- und Gesundheitsprojekte, die Neu-Definition von Schulen als demokratisch geprägter Lebens- und Bildungsstätte („Bildungsdörfer“) im Stadtteil, Anreize zu Bewegung im Wohnumfeld für alle Generationen und globale Vernetzung einzelner Initiativen den städtischen Beitrag zu einer Verbesserung von Bildung und Gesundheit der Menschen entscheidend voranbringen. Das Bewusstsein für die positiven Wirkungen von Alltagsbewegung, niedrigschwelligen Spiel- und Sportgelegenheiten sowie ausgewogener Ernährung für eine gesunde Lebensweise ist unter Einbeziehung der Sportorganisationen national und international zu schärfen.

6. Demografie und Zusammenhalt

Migration, Überalterung in der einen Gesellschaft, überproportionale Zunahme junger Menschen ohne ausreichende Zukunftsaussichten in der anderen, prägen die weltweite Entwicklung. Die sich daraus ergebenden internationalen Konflikte werden Deutschland in den kommenden Jahren weiter beschäftigen.

Gesellschaftliche Integration, d.h. der Ausgleich zwischen Generationen, Menschen unterschiedlicher Herkunft, Sozialisation, Identität wird täglich in den 86.000 Sportvereinen in Deutschland verwirklicht. Das dort traditionell verankerte Ehrenamt ist elementar für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Es muss bei steigender Arbeitslosigkeit einerseits, Fachkräftemangel und verlängerter Lebensarbeitszeit andererseits effektiv organisiert, die Sportstrukturen müssen entschlackt werden. Die altersgemäße Partizipation von Kindern und Jugendlichen kann dabei ein wesentliches Element demokratischer Stärkung sein. Entsprechend können Freiwilligen-Programme bei nationalen und internationalen Sport-Veranstaltungen in Deutschland bis hin zu den Olympischen Spiele beispielhaft innovativ gestaltet und Selbstwirksamkeit sowie echte Teilhabe gesichert werden.